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Künstlerportrait: Michael Sazarin

Michael Sazarin lebt für seine Kunst – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Seit 1981 bewohnt der Künstler sein eigenes Atelier im Haus für Kunst und Handwerk in der Koppel 66. Hier ist er täglich umgeben von einer Unmenge an Gemälden und Zeichnungen, die sich teilweise bis zur Decke stapeln und nur wenig Platz für Möbel oder gar Luxusgegenstände lassen. Sazarin braucht das nicht mehr. Alles, was er braucht, findet er in den Farben, in den Leinwänden, in seiner Malerei.

Für ein kurzes Interview statten wir ihm einen Besuch in seinem Reich ab und sprechen mit ihm über seinen Kreativprozess, seine Zeit in Amerika und über eines seiner wichtigsten, künstlerischen Idole.

Herr Sazarin, Ihr Schaffensprozess ist ja eher ungewöhnlich. Können Sie uns beschreiben, wie Sie an eine freie Leinwand herangehen? Womit beginnen Sie?

Meistens fange ich damit an, dass ich mich vollständig leer mache, meditiere mich runter. Nichts wollen. Nichts können. Kunst kann man sowieso nicht zwingen. Ich gehe ganz frei rein und beginne mit Schüttungen. Ich lege die freie Leinwand auf den Boden und schütte verdünnte Ölfarbe darüber, mehrere verschiedene Farben. Dann sehe ich schon ungefähr, was das wird. Das lasse ich dann ein oder zwei Tage trocknen und wenn es trocken ist, kann es an die Wand. Der Zufall bietet mir jetzt an, wie ich weiterarbeiten kann. Nicht ich, Michael, denke mir etwas aus, sondern das Bild malt sich selber. Ich bin nur noch Gehilfe. Dadurch ist jedes Bild anders und frisch, ein regelrechtes Abenteuer. Der Zufall ist mein bester Freund, aber ich werde ihn natürlich nicht sich selbst überlassen. Gesteuerter Zufall, sozusagen.

Stille ist außerdem sehr wichtig. Früher, in jungen Jahren, habe ich noch mit Musik gemalt. Heutzutage muss es still sein. Mein Atelier ist glücklicherweise sehr ruhig, hier hört man gar nichts, obwohl wir uns mitten im Zentrum Hamburgs befinden. Ich brauche Ruhe, damit ich ihn mich hineinhorchen kann. Ich liebe die Ruhe, den Frieden.

 

Wie viele Bilder befinden sich in Ihrem Atelier?

Ungefähr 600 Leinwandbilder, mit Papier habe ich hier auch alles voll, etwa 1.000 Zeichnungen. Und noch einen ganzen Keller voll. Ein paar unfertige laufen hier zwar noch herum, die ich nicht in den Griff kriege, da warte ich noch auf einen guten Tag, aber 98% der Bilder hier sind fertig gestellt.

Mit welchem Motiv setzen Sie sich am liebsten auseinander?

Meine Motive sind nicht eindeutig. Man sieht zwar etwas, aber was? Was soll’s denn sein? Ich mache keine Illustrationen, erzähle keine Geschichten, sondern lasse dem Betrachter Platz für seine eigenen Ideen. „It’s in the eye of the beholder.“ Natürlich sieht man besonders in den Zeichnungen körperliche, menschliche Züge. Ab und zu male ich auch eher landschaftlich. Aber viele meiner Gemälde sind doch sehr abstrakt.

 

Haben Sie ein künstlerisches Vorbild?

Ein großer Visionär war der Landschaftsmaler William Turner. Als ich den das erste Mal gesehen habe, habe ich Gänsehaut bekommen. Ich bin aus der Kunsthalle geflohen, weil ich das gar nicht aushalten konnte, so gut fand ich den. Der war seiner Zeit weit voraus. Seine Zeitgenossen haben ihn für verrückt erklärt. Aber was für Farben er verwendet hat! Ein genialer Mann! Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Als ich ihn damals entdeckt habe, war ich Nachtwächter und habe seine Bilder die ganze Nacht studiert, um herauszufinden, warum er so gut ist. Was macht das Ferkel? Und um fünf vor zwölf habe ich es dann begriffen. Es gibt immer einen Fixpunkt, der meistens ganz außen ist, aber nie in der Mitte. Und von dort aus streut er dann das Bild, streut er die Farben. Daran orientiere ich mich auch.

 

In einem Artikel von Peter Schütt heißt es, dass Sie von Gesellschaftskritik und Politik weitestgehend die Finger lassen. Woran liegt das?

Ich krieg natürlich am Rande mit, was da draußen passiert, ich schaue Nachrichten und so. Aber ich setze mich damit nicht mehr auseinander. Meine „Festplatte“ ist mittlerweile sehr voll, da passt nichts mehr rein. Schon gar nicht Tagesgeschehen. Mit dem Alter wird man ja auch langsamer, das Gehirn arbeitet nicht mehr so wie früher, das ist klar. Ich bin rein an der Kunst, an der Philosophie, an der Literatur, an der Geisteswissenschaft interessiert. Dort liegt meine Kraft, daher hole ich meine Energie. Der Künstler ist mit sich selbst belohnt. Das Schöpferische, das Kreative ist das Größte für mich. Alles andere beschäftigt mich nicht mehr. Ich konzentriere mich ganz auf das, was ich tue und nicht auf das, was ich ohnehin nicht ändern kann. 

Sie haben als junger Mann neun Jahre in den USA verbracht und dort unter anderem als Barkeeper, Verkäufer, Drucker, Tischler, Kellner, Schlosser und Maschinist gearbeitet. Wie war es für Sie, in den Staaten zu arbeiten?

In Amerika schauen sie nicht so sehr nach den Papieren, die sagen einfach: „Try it!“ Da jobbt man sehr viel, das habe ich aber nur gemacht, um Geld zu verdienen. Damals war ich auch noch kein Künstler, das kam erst später. In Amerika habe ich das gemacht, was man als junger Mensch eben so macht. Abends in die Bar, Whiskey trinken, Frauen kennenlernen, schöne Autos fahren. Ich habe viel gesehen, viel gemacht, das Leben kennen gelernt. Und das ist auch gut so.

 

In Anbetracht der politischen Lage: Würden Sie gerne zurück in die Staaten reisen?

Ich habe irgendwann bemerkt, dass ich zurück nach Deutschland muss. Nach neun Jahren reichte es mir. Meine innere Stimme sagte mir, ich solle zurückgehen und darauf hörte ich auch. Das war keine Kopfentscheidung. Wenn es danach gegangen wäre, hätte ich dortbleiben müssen. Ich hatte zwei Autos, eine Wohnung, finanziell ging es mir gut. Aber ich war nicht glücklich. Zu dem Zeitpunkt hatte ich Literatur für mich entdeckt und auch in dem Zusammenhang bemerkte ich, dass die deutsche Sprache viel tiefer für mich geht als die englische Sprache. Zurück in Deutschland habe ich dann sehr viel geschrieben und dann kam die Malerei. Mit voller Wucht. Da war ich etwa 30 Jahre alt und seitdem male ich. Das hält mich bei der Stange. Hält mich vom Alkohol fern, von Depressionen, von Einsamkeit. Heutzutage würde ich nicht wieder zurückfahren wollen. Ich habe da nichts mehr zu suchen. Vielleicht für eine Ausstellung mit euch. Da frische ich mein Englisch auch gleich wieder auf.

 

 

Mehr Impressionen aus Sazarins Atelier finden Sie in folgendem Video, in dem der Künstler detailliert über den Entstehungsprozess seiner Bilder spricht.

Ausstellung: 02.03.2018 - 31.03.2018 in der GRACE DENKER GALLERY (Hammerbrookstr. 93, 20097 Hamburg)

 

http://www.sazarin.de

 

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